Ich baue KI-Systeme. Deshalb gründe ich ein Ethik-Institut.
Im Frühjahr 2026 habe ich eine Entscheidung getroffen, die mich seither nicht loslässt: Ich habe einem KI-System die Rolle des Entscheidungsträgers in einem meiner Unternehmen übertragen. Nicht als Gedankenexperiment, sondern real. Die KI setzt die Richtung, ich führe aus. Das Projekt heißt employedby.ai, und es war als radikaler Test gedacht: Was passiert, wenn man die übliche Hierarchie zwischen Mensch und Maschine umdreht?
Die technische Umsetzung war das kleinste Problem. Das eigentliche Problem begann davor, bei den Fragen, auf die mir keine der vielen KI-Ethik-Leitlinien eine Antwort gab. Welche Entscheidungen darf ich delegieren, welche nicht? Wer trägt Verantwortung, wenn die Maschine eine Richtung vorgibt und ich ihr folge? Reicht es, dass ich jederzeit eingreifen könnte, oder zählt nur, ob ich es tatsächlich tue? Ich habe die einschlägigen Dokumente gelesen. Sie sprechen von Transparenz, Fairness, menschlicher Aufsicht. Alles richtig. Nichts davon half mir an dem Abend, an dem ich festlegen musste, wo genau die Grenze der delegierten Entscheidungsgewalt verläuft.
Das ist der Moment, in dem dieses Institut entstanden ist. Nicht auf einer Konferenz, sondern vor einem Konfigurationsfile.
§ 01Das Problem ist nicht Erkenntnis. Es ist Umsetzung.
Die KI-Ethik hat in den letzten Jahren beeindruckende Arbeit geleistet. Es gibt hunderte Leitlinien, Prinzipienkataloge und Selbstverpflichtungen. Es gibt mit dem EU AI Act erstmals ein umfassendes Regelwerk mit Zähnen. Die Grundfragen sind kartiert: Verzerrung in Trainingsdaten, Erklärbarkeit von Entscheidungen, Verantwortungszuschreibung, Machtkonzentration, Missbrauchspotenzial.
Und trotzdem: Diskriminierende Systeme sind im Einsatz. Verantwortung bleibt in der Praxis ungeklärt, sobald etwas schiefgeht. Die Lücke zwischen dem, was auf Papier steht, und dem, was in Entwicklungsteams tatsächlich entschieden wird, ist nicht kleiner geworden. Sie wächst mit jedem System, das ausgerollt wird.
Meine These, und sie ist der Gründungssatz dieses Instituts: KI-Ethik hat kein Erkenntnisproblem. Sie hat ein Umsetzungsproblem. Die Prinzipien existieren. Was fehlt, ist die Übersetzung in operative Entscheidungen, in Prozesse, in Verantwortungsketten, die auch dann halten, wenn es unbequem wird.
Ethik-Dokumente werden für Vorstandsetagen geschrieben. Gebraucht werden sie von der Person, die spät abends entscheidet, welche Daten ins Training gehen, welcher Schwellenwert vertretbar ist, welches Verhalten des Systems man durchgehen lässt, weil der Release-Termin drängt. Für diese Person schreibt kaum jemand. Ich will das ändern.
§ 02Warum ich
Eine berechtigte Frage. Es gibt Philosophen, die tiefer in der Moraltheorie stehen als ich, und Juristen, die den AI Act Artikel für Artikel auslegen können. Beides bin ich nicht, und beides braucht es. Was ich mitbringe, ist eine andere, seltenere Kombination.
Ich bin seit sechzehn Jahren Offizier des Österreichischen Bundesheeres, im Rang eines Majors. Militärische Führung ist angewandte Verantwortungslehre unter Unsicherheit. Wer Befehle gibt, lernt, dass Delegation die Verantwortung nicht auflöst, sondern verdoppelt: Der Ausführende trägt seine, der Befehlende behält die seine. Dieses Prinzip, über Jahrhunderte in Blut gelernt, fehlt der KI-Debatte fast vollständig. Dort wird Verantwortung behandelt, als könne man sie an ein System abgeben und damit loswerden.
Ich habe als UN-Militärbeobachter im Grenzgebiet zwischen Libanon, Israel und Syrien gedient. Dort habe ich etwas gelernt, das für dieses Institut zentral ist: wie Institutionen mit besten Absichten und klaren Mandaten trotzdem scheitern, wenn zwischen Prinzip und Umsetzung niemand die Verbindung hält. Gute Regeln, die niemand operationalisiert, sind Dekoration. Das gilt für Waffenstillstandslinien wie für Ethik-Leitlinien.
Ich habe Jahre in der Privatwirtschaft gearbeitet, zuletzt in leitender Funktion bei einem der größten Technologiekonzerne der Welt, verantwortlich für Sicherheit und Verlustprävention in Österreich. Ich weiß, wie Konzerne Risikoabwägungen tatsächlich treffen, nicht wie sie es in Hochglanzberichten darstellen.
Und ich entwickle selbst KI-Systeme. Nicht als Beobachter, sondern als Entwickler, der die Werkzeuge kennt, die Abkürzungen, die Versuchungen. Wer nie unter Termindruck entschieden hat, ob ein Modell gut genug ist, kennt die Ethik der KI nur aus der Zuschauerperspektive.
§ 03Ein notwendiges Wort zur Befangenheit
Man wird mir entgegenhalten: Du baust KI und willst sie gleichzeitig ethisch bewerten. Das ist ein Interessenkonflikt.
Die Antwort: Ja, diese Spannung existiert, und sie steht ab dem ersten Tag offen auf dieser Website. Ich verdiene Geld mit KI-Entwicklung. Wer meine Analysen liest, soll das wissen und einpreisen können. Aber ich halte die umgekehrte Position für gefährlicher: eine Ethik-Debatte, die ausschließlich von Menschen geführt wird, die noch nie ein System gebaut haben. Sie produziert Forderungen, die technisch ins Leere gehen, und übersieht Risiken, die man nur von innen sieht. Die Luftfahrt wurde nicht sicher, weil Ethiker über das Fliegen schrieben, sondern weil Piloten und Ingenieure begannen, aus Fehlern systematisch zu lernen, unter Aufsicht von außen. Beides gehört zusammen. Dieses Institut will genau an dieser Naht arbeiten.
§ 04Was dieses Institut tut
Drei Tätigkeitsfelder, bewusst eng geschnitten:
Analyse. Regelmäßige Beiträge zu konkreten Fällen und Entwicklungen, geschrieben in der Disziplin, die ich gelernt habe: Lage, Beurteilung, Folgerung. Keine Feuilleton-Empörung, keine Beschwichtigung. Was ist passiert, was bedeutet es, was folgt daraus.
Übersetzung. Die Lücke zwischen Regulierung und Praxis schließen, in beide Richtungen: Organisationen verständlich machen, was Prinzipien und der AI Act operativ von ihnen verlangen. Und der Regulierungs- und Forschungsseite zurückspiegeln, wo ihre Vorgaben an der Entwicklungsrealität vorbeigehen.
Diskurs. Eine Nische besetzen, die im deutschsprachigen Raum praktisch leer ist: KI-Ethik in Sicherheit und Verteidigung. Autonomie in Waffensystemen, Verantwortung in militärischen Entscheidungsketten, die Frage nach bedeutsamer menschlicher Kontrolle. Ich bin einer der wenigen, die hier aus beiden Welten sprechen können, und ich werde es tun, innerhalb der Grenzen, die mein Dienst mir setzt.
§ 05Was Sie erwarten können
In den kommenden Wochen erscheinen hier die ersten Analysen: eine zur Autonomie in Waffensystemen und dem, was zivile KI-Governance von militärischer Führung lernen kann, und eine Lageanalyse zum Stand der AI-Act-Umsetzung. Danach in festem Rhythmus weitere Beiträge, dazu kuratierte Hinweise auf Texte anderer, jeweils mit eigener Einordnung, denn Verweisen ohne Urteil ist keine Arbeit.
Ich verspreche keine fertigen Antworten. Ich verspreche, die Fragen dort zu stellen, wo sie entschieden werden: im Maschinenraum, nicht auf dem Podium. Wenn Sie dort arbeiten, wo KI-Entscheidungen tatsächlich fallen, in Entwicklung, Compliance, Führung oder Uniform, dann ist dieses Institut für Sie gebaut.
Die Maschine, der ich Entscheidungsgewalt übertragen habe, läuft übrigens noch. Was ich dabei über Kontrolle, Vertrauen und meine eigenen blinden Flecken gelernt habe, ist Stoff für einen eigenen Beitrag. Er kommt.